
Einer, der sein egoistisches Verlangen am Fuße des Berges der Zweifel zurücklässt, kann hinaufsteigen und lernen, wie man seinen Nächsten wahrhaftig liebt.
Jeder von uns versucht das zu wählen, was ihm als das Beste erscheint. Die Suche nach Glück und Frieden treibt uns unser ganzes Leben lang voran.
Wir spornen uns täglich an, neue Ziele zu realisieren: mehr Geld zu verdienen, mehr Anerkennung zu bekommen, mehr zu wissen und zu lernen. Wir glauben glücklicher zu werden, wenn wir unsere Wünsche erfüllen. Daher lassen wir uns die meiste Zeit über auf ein nie enden wollendes Wettrennen ein; sobald wir ein Ziel erreichen, eilen wir sofort weiter zum nächsten. Ab und zu genießen wir, wenn wir das Erwünschte bekommen haben, aber kurz darauf verlieren wir die Freude daran. Wir langweilen uns und fahren fort, die Erfüllung unseres nächsten Wunsches in Angriff zu nehmen.
Manchmal sind wir ernüchtert, wenn wir nicht bekommen, was wir uns erhofft hatten. Es gibt Augenblicke, in denen uns das Leben mit unwillkommenen und unerfreulichen Situationen quält, und wir fühlen uns frustriert und in Bedrängnis. Dann fragen wir uns: “Warum läuft alles so schlecht für mich? Warum habe ich keine Freude?”
Meistens versuchen wir, diese Fragen beiseite zu schieben und in unserem Lebensfluss weiter zu machen. Doch diese Fragen scheinen sich anzuhäufen, bis wir erkennen, dass unser Leben einen Weg einschlägt, den wir eigentlich nicht kontrollieren können. Welche Mühe wir uns auch geben, die Ordnung wieder herzustellen: Es ist uns trotzdem nicht möglich, die nächsten Ereignisse vorherzusehen. Nach einigen solcher Höhen und Tiefen halten wir üblicherweise inne und stellen uns eine grundlegende Frage: “Wozu leben wir wirklich?”
Der Berg Sinai ist in uns
Jemand, den die Frage nach dem Sinn des Lebens bereits vorantreibt, beginnt nach einer tieferen Erfüllung zu suchen. So ein Mensch hat schon alles versucht und strebt nun danach, Antworten auf seine Frage zu finden.
Der Moment, in dem diese Frage auftaucht, ist bahnbrechend. Hier, zwischen Alltagsroutine und dem Bewusstwerden des tiefen Wunsches nach Spiritualität beginnt der freie Wille. Die Weisheit der Kabbala nennt dieses Erwachen, diese einzigartige erstaunliche Gelegenheit den “Berg Sinai”.
Der Berg Sinai symbolisiert den Scheideweg, an dem die spirituelle Entwicklung eines Menschen beginnt. Der Mensch erkennt, dass viele der Verlangen, die er sich ständig zu erfüllen versucht, einer egoistischen Motivation entspringen. Dieser Mensch versteht, dass er nicht nur deshalb Geld verdienen wollte um sein Kapital zu erhöhen, sondern dass er mehr Geld wollte als die Anderen und möglicherweise auch auf deren Kosten. Er erkennt, dass er Ruhm nicht deswegen anstrebte, weil er achtbar sein wollte, sondern weil er von den Anderen geachtet sein wollte. So ein Mensch sieht ein, dass seine einzige bisherige Antriebskraft der Egoismus war.
Immer wenn wir uns fragen “Wieso läuft alles falsch?” kommen wir zu jenem Punkt, an welchem die Diskrepanz zwischen unseren egoistischen Wünschen und der Realität offensichtlich wird. Es sind Gelegenheiten, wo wir unser Leben, unsere Erfolge und Niederlagen überdenken können und uns nach der Bedeutung und dem Zweck unseres Lebens fragen.
Diese Fragen sind die Herausforderungen bei der Besteigung unseres Berges, die Schnittstellen, wo wir uns entscheiden, entweder weiter zur Spitze vorzudringen oder aber stehen zu bleiben, um das Leben auf herkömmliche Art weiterzuleben, und dann verzweifelt auf den nächsten Schicksalsschlag zu warten.
In der Kabbala leitet sich das Wort Har (Berg) vom Wort Hirhurim (Gedanken, Reflexion) ab. Hirhurim steht für unsere Zweifel und die Unsicherheiten, die wir erleben, wenn wir uns für eine neue Richtung entscheiden müssen, von der wir uns eine bessere Zukunft erwarten. Sinai leitet sich von Sina’a (Hass) her, dem Hass auf die anderen in einem selbst, der der egoistischen Natur des Menschen entspringt.
Ein Mensch, der seinen Egoismus bereits erkannt und sich dazu entschlossen hat, sein Leben nicht mehr auf diese ausbeuterische Art weiterzuführen, entdeckt ein neues Verlangen in sich. Dieses Verlangen ließ die Frage nach dem Sinn des Lebens überhaupt erst auftauchen. Es ist die Sehnsucht nach Spiritualität, nach etwas anderem und realen, losgelöst und unabhängig von unserem Ego. In der Kabbala heißt diese Sehnsucht “Moses”. Moses spornt einen Menschen dazu an, den Berg zu erklimmen und den Hass auf die anderen zu überwinden.
In diesem Zustand spürt jemand schon das Bedürfnis, sein Inneres zu ändern, sich darüber hinweg zu erheben, um so an einen besseren Ort zu gelangen. Er lässt seine egoistischen Wünsche am Fuße des Berges zurück, erhebt sich über sie und erklimmt die Spitze. Dort oben empfängt er die Methode, mit deren Hilfe er seine egoistische Natur verändern kann und erlernt durch sie die wahre Nächstenliebe.
Die Weisheit der Kabbala ist eine Methode, die eigene Natur zu überwinden
“Diese Lehre ist ein wesentlicher, angemessener und zugleich obligatorischer Gegenstand für jeden Menschen und jedes Volk dieser Welt. Ohne diesen Gegenstand gelten sie als Tiere.” (Rav Kook, Orot haRaaiah, S. 227)
Die Methode, mit der ein Mensch seine egoistische Natur ändern kann, ist die gleiche, die Moses am Berg Sinai erhalten hat. Sie heißt “Weisheit der Kabbala”. Moses empfing die zehn Gebote, die unsere Seele vorbereiten, genau wie die Methode dazu dient, die Seele der Menschheit zu korrigieren. Mit dieser Methode steigt man vom Berg herunter; man wendet sich seinen eigenen egoistischen Eigenschaften zu, die man am Fuße des Berges zurückgelassen hatte und beginnt sie über 40 Jahre lang zu korrigieren.
Der Buchstabe “Mem“, dessen numerischer Wert in der Gematria 40 ist, bedeutet in der Kabbala die Eigenschaft des Gebens. Wenn einmal das gesamte “Volk” (Verlangen) seine Korrektur erreicht hat und sich in Liebe verbindet, wird ihm Einlass in die absolute Spiritualität gewährt, genannt “das Land Israel” (Israel besteht aus zwei Worten - Yashar El - direkt zu G-tt; es ist das Verlangen, direkt zum Schöpfer zu gelangen).
Heute erweist sich die Kabbala als eine Methode zur Korrektur, die das gesamte Volk Israel zum Frieden unter sich und auf der Welt führen kann. In jedem von uns gibt es ein Verlangen, das Moses heißt. Wir haben die Gelegenheit, auf ihn zu hören, alle anderen Verlangen beiseite zu lassen und an einen besseren Ort zu gelangen. Wenn wir das tun, werden wir mit einem Leben auf dem Gipfel des Berges belohnt, einem Leben voller Frieden, Vollkommenheit und Ewigkeit.
Leitsätze:
- Immer wenn wir uns fragen “Wieso läuft alles falsch?” kommen wir zu jenem Punkt, an welchem die Diskrepanz zwischen unseren egoistischen Wünschen und der Realität offensichtlich wird. All diese Momente sind tatsächlich Gelegenheiten.
- Ein Mensch, der seinen Egoismus bereits erkannt und sich dazu entschlossen hat, sein Leben nicht mehr auf diese ausbeuterische Art weiterzuführen, entdeckt ein neues Verlangen in sich.
Quelle: “Kabbalah le Am”, 6. Ausgabe