Der Sohar, Kapitel “Wa Jaera“, Punkt 90: … ” “Und du sollst den Herrn, deinen Gott, von ganzem Herzen lieben”, bedeutet mit beiden deiner Neigungen - dem guten Trieb und dem bösen Trieb; so dass die bösen Eigenschaften des Bösen Triebes gut werden, dass heißt, er wird dem Herrn mit ihnen dienen und nicht mit ihnen sündigen. Dann wird es gewiss keinen Unterschied zwischen dem Guten und dem Bösen Trieb geben, und sie werden eins sein.
Da wir in unserer Welt keinen qualitativen Unterschied zwischen dem Guten und dem Bösen sehen, verstehen wir auch nicht, inwiefern sie einander bestimmen und unterstützen, und ohne einander nicht existieren können.
Denn wir würden uns sofort wünschen, alles Böse zu zerstören und nur das Gute zu lassen. Eben das, was in diesem Moment für gut gehalten wird.
Die Spiritualität tritt ans Licht infolge des Unterschieds der gegensätzlichen Eigenschaften, und nicht infolge des Wunsches, eine von den beiden zu entfernen oder zu zerstören.
Beide Eigenschaften existieren für die gegenseitige Wahrnehmung, sodass der geistige Zustand gleichermaßen aus dem Licht und der Dunkelheit aufgebaut wird.
Anfangs haben wir keine richtigen inneren Definitionen: uns ist nicht klar, was das Licht und die Dunkelheit bedeuten.
Nachdem wir sie unterscheiden können, wird beschlossen, was das Licht und was die Dunkelheit ist, wobei das Licht der Finsternis immer vorgezogen wird. Dann tun wir das gesamte Licht und die gesamte Dunkelheit zusammen und schaffen daraus unseren geistigen Zustand.
Wir annullieren keine von den beiden Eigenschaften; sollte jedoch die eine entfernt werden – geht auch die andere verloren. Deshalb bauen wir daraus die mittlere Linie.
Da es ein solches Baumodell in unserer Welt nicht gibt, so ist uns diese Erscheinungsform, die mittlere Linie, nicht bekannt. Denn wir sind immer bestrebt, die unerwünschten, unangenehmen Erscheinungen zu entfernen. Als ob es dafür keinen Platz in der Welt gäbe.
Und in der Spiritualität - gibt es genügend Platz für die beiden. Wenn sie sich untereinander in der richtigen Weise verbinden, dann ergibt sich viel Platz für ihre ewige Existenz, und nicht für eine, ohne die andere.
Aus diesem Grund gibt es die Sünder und die Gerechten, das Empfangen und das Geben, den Glauben und das Wissen – all das wird aufeinander begründet.
Für das Begreifen des Ziels sind sie beide gleichermaßen wichtig. Wie auch geschrieben wurde: “der Mensch soll sowohl für das Schlechte, als auch fürs Gute dankbar sein”.
Die Korrektur des Übels wird auf seine richtige Anwendung zurückgeführt, wonach es zusammen mit dem Guten an der Offenbarung der Quelle – des Schöpfers teilnehmen kann.
Daraus entsteht die mittlere Linie – die Seele, die folglich ihre Quelle, den Schöpfer enthüllt.
