


Als Kabbalahstudent schrieb Rabbi Baruch Ashlag Shalom HaLevi Ashlag (Rabash) jedes gesprochene Wort seines Vaters Rabbi Yehuda Leib HaLevi Ashlag nieder. Rabash’s Vater war auch als Meister der Leiter bekannt. Er verfasste den Kommentar Die Leiter zum Buch Sohar. Diese Schriften mit den Worten seines Vaters sammelte der Rabash in einem Notizbuch, das er „Shamati” (Was ich hörte) nannte. Als Baal HaSulam 1954 starb, ließ er den Rabash mit einem einzigartigen spirituellen Vermächtnis zurück. Shamati beinhaltet Beschreibungen der inneren spirituellen Arbeit eines Kabbalisten; es enthüllt die intensiven Erfahrungen einer Seele, welche lernt, sich mit dem Schöpfer zu verbinden.Unter den Offenbarungen dieses Buches gibt es eine Erklärung über die spirituelle Bedeutung von Abrahams Reise nach Ägypten und die nachfolgende Befreiung der Kinder Israels durch Moses. Diese Erklärung datiert aus dem Winter 1941. Es ist ein langes Gespräch mit einem unglaublich reichen Inhalt. In dieser Pessachwoche werden wir einige Konzepte streifen, die Baal HaSulam damals vermittelte. Diese Konzepte sind der Öffentlichkeit teilweise noch immer unbekannt und werfen ein neues Licht auf die vertrauten Texte, die wir an Pessach lesen.
Am Vorabend von Rosh Hashanah (dem jüdischen Neujahrstag) im Jahre 1991 starb der Rabash. Doch vor seinem Tod gab er das dicke Notizbuch mit den Schriften seines Vaters an seinen vertrautesten Schüler und persönlichen Assistenten Michael Laitman weiter, der auch sein Nachfolger werden sollte. Diese Schriften wurden später in einem Buch veröffentlicht, welchem Rav Laitman natürlich den Titel „Shamati”(Was ich hörte) gab.
Ein gemischter Segen
In einer sternenklaren Nacht brachte der Schöpfer Abraham aus seinem Zelt und sagte: „Sieh die Sterne am Himmel! Kannst du sie zählen? So unzählbar werden deine Nachkommen sein.” (Genesis 15:5). Doch Abrahams Reaktion war nicht die, die wir am ehesten erwarten würden. Er antwortete: „Wie werde ich wissen, dass ich es jemals besitzen werde?” (Genesis 15:8).
Darauf erwiderte der Schöpfer genauso unerwartet: „Du sollst jetzt erfahren, wie es deinen Nachkommen ergehen wird. Sie werden als Fremde in einem Land leben, das ihnen nicht gehört. Man wird sie hart behandeln und zu Sklavendiensten zwingen.” (Genesis 15:13). Und der Schöpfer fuhr fort und erklärte, was Er mit den Unterdrückern tun würde: „Dann werde ich das Volk, das sie unterdrückt bestrafen; und sie werden von dort mit reichem Besitz weggehen.” So würden nach all den Qualen Abrahams Nachkommen sowohl frei als auch reich sein.
Abraham fragte nicht weiter. Er war zufrieden.
Doch eine Frage bleibt offen: Warum mussten Abrahams Nachkommen solche Qualen erleiden, wenn der Schöpfer doch immer beabsichtigte, sie reich und unabhängig zu machen und ihnen ihr eigenes Land zu geben. Konnte Er es ihnen nicht gleich geben, ohne sie zuerst zu quälen?
Um diese Frage zu beantworten, erklärt Baal HaSulam zunächst die Bedeutung der Schlüsselelemente dieser Geschichte - Moses, Ägypten und „Land”. In der Kabbalah steht Moses für das Verlangen des Menschen, sich mit dem Schöpfer zu verbinden. Ägypten steht für das Verlangen, das Leben so zu genießen wie es ist, ohne an den Schöpfer zu denken. Daher sagt der Pharao, der König Ägyptens: „Wer ist der Herr, dessen Befehl ich gehorchen soll?” (Exodus 5:2).
Kabbalisten schrieben oder sprachen nie über physische Welten. Sie befassten sich ausschließlich mit den inneren spirituellen Prozessen, welche sich auf die Verbindung mit dem Schöpfer beziehen. Wenn wir dies beim Lesen der kabbalistischen Schriften berücksichtigen, werden wir die Bedeutung ihrer Worte erkennen und sehen, dass sie auf jeden beliebigen Menschen, egal welchen Glaubens oder Geschlechtes anwendbar sind. Ihre Botschaft ist zugleich persönlich und individuell wie auch allgemein und universell.
Das Wort Eretz (Land) zum Beispiel leitet sich von Ratzon (Verlangen) her; es ist nicht ein Stück Land irgendwo auf der physischen Erde. Selbst der alte hebräische Text Midrash behandelt dieses Thema: „Und Gott nannte das trockene Land Eretz (Erde); warum heißt sie Erde? Weil es ihr Verlangen war, den Wunsch ihres Schöpfers zu erfüllen” (Midrash Raba 5:8).
Ein anderes großartiges Beispiel für diesen inneren Fokus betrifft das Wort „Israel”. Ysrael ist entsprechend dem Buch Sohar (VaYshlach, Punkt 247), eine Kombination von zwei Worten: Yashar (direkt) und El (Gott). Mit anderen Worten sprechen die Kabbalisten von dem Wunsch, sich mit dem Schöpfer zu verbinden, wenn sie über Israel schreiben.
Die Geschichte vom Auszug aus Ägypten ist eine Allegorie. Sie handelt von Dingen, die in jedem von uns existieren. Wir können wählen, ob wir uns darauf einlassen oder nicht. In der Geschichte wollen sowohl Moses wie auch der Pharao die Freude an der Verbindung mit dem Schöpfer genießen. Daher halfen die alten Pharaonen Israel dabei, sich in Ägypten nieder zu lassen. Selbst Moses, Sohn eines hebräischen Sklaven, wurde von der Familie des Pharaos als Prinz aufgezogen.
Das fehlende Stück
Da der Pharao weiß, dass sein Kontakt zum Schöpfer von seinem Kontakt zu den Israeliten abhängt (das Verlangen nach dem Schöpfer), kann er sie nicht aus Ägypten ausziehen lassen. Der einzige Unterschied zwischen Moses und dem Pharao ist folgender: Moses ist der Teil in uns, der möchte, dass der Schöpfer regiert. Der Pharao ist der Teil in uns, der möchte, dass wir selbst regieren, indem er sagt: „Wer ist der Herr, dessen Befehl ich gehorchen soll?”
Klar, wenn der Schöpfer irgendeine Kraft wäre, die irgendwo im Himmel stationiert ist, gäbe es für den Pharao keinen Grund, seinen Thron aufzugeben. Seinen Thron aufzugeben würde bedeuten, dass man sich jemandem anderen (oder einer Sache) unterordnet. Und warum sollte er auf seinen Thron verzichten? Um diese Frage zu beantworten, benötigen wir ein weiteres Stück an Information - den Willen des Schöpfers.
Die Kabbalah erläutert, dass der Schöpfer weder eine Person noch ein irgendein Wesen ist. Stattdessen steht der Schöpfer für den größten Wunsch von allen - den Wunsch Freude zu schenken, nicht sie zu empfangen. Stellen Sie sich vor, welche Freuden Sie haben könnten, wenn eine derart enorme wohlwollende Kraft (Wunsch zu geben) uneingeschränkt auf Sie wirken würde.
Bei dem „fehlenden Stück” Information, das Moses, aber nicht dem Pharao bekannt ist, handelt es sich letztlich um den Wunsch des Schöpfers. Weil Er so gebend ist, will Er uns alles von sich geben. Er will uns sogar gottähnlich machen, genauso wie Er ist. Dazu muss er uns lehren, wer Er ist, und um das zu erfahren, müssen wir damit einverstanden sein, Ihm zu folgen.
Da der Pharao nicht weiß, dass der Schöpfer ihn gottähnlich machen möchte, kann er sich Ihm auch nicht unterordnen. Der Pharao fürchtet, dass er nichts mehr besitzen würde, wenn er seinen Thron aufgibt. Er kann nicht verstehen, dass er dadurch beides erreichen könnte: sowohl diese Welt als auch alle spirituellen Welten. Daher ist der Pharao der Meinung, er müsse Gott bis zum Ende bekämpfen.
Andererseits weiß Moses, was auf dem Spiel steht, da er bereits mit dem Schöpfer in Kontakt getreten ist. Weil er den großen Gewinn für jene erkennt, die ihm folgen, muss er den Pharao bekämpfen, um Israel befreien zu können - und damit alle, die direkt zu Gott wollen.
Heute, viele Jahrhunderte nach Moses, erwacht die Spiritualität in einer Vielzahl von Menschen. Eine Welle von Suchenden scheint die Welt zu erfassen. Diese Menschen tragen in sich jene Verlangen, die zu Moses’ Zeiten die Spiritualität nicht erreicht haben.
Wir erfahren heute dasselbe Verlangen wie Israel damals in Ägypten, eine Sehnsucht nach etwas höherem.
Diese Sehnsucht nach Spiritualität ist Moses. Er steht für das Verlangen, sich mit dem Schöpfer zu verbinden und es erwacht in der gesamten Menschheit. Diese Sehnsucht verursacht auch, dass sich die Welt um uns herum immer mehr wie Ägypten fühlt, wie ein Land mit materiellem Wohlstand und spiritueller Hungersnot. Doch heute ist Ägypten gleich groß wie unser Planet; die ganze Menschheit wird von der spirituellen Leere geplagt und muss befreit werden.
Glücklicherweise verfügen wir heute über Erfahrungen, die uns helfen und leiten können. Erfahrungen, die die Kinder Israels in Ägypten gewonnen haben finden wir heute in den kabbalistischen Büchern. Diese Bücher wurden nur zu diesem Zweck geschrieben - uns zu helfen, den Pharao/Moses Konflikt sowohl auf einer persönlichen als auch auf einer globalen Ebene zu lösen. Wenn wir Pessach aus der kabbalistischen Perspektive betrachten, können wir die Zwangslage der Welt (und auch unsere eigene) in eine spannende Herausforderung verwandeln. Dieser Ansatz wird die Menschheit auf eine neue Stufe der Existenz erheben - die spirituelle Welt, die aus wahrer Freiheit und Gerechtigkeit für alle besteht.
Quelle: Kabbala Today#2
