Facebook – Was soll die ganze Aufregung?
Artikel in Kabbala Heute Ausgabe #5
Die Besessenheit betreffend Facebook drückt einen tief in uns verwurzelten Wunsch aus – nämlich jenen, mit allen verbunden zu sein. Doch liefert die größte virtuelle Gemeinschaft tatsächlich die neue soziale Gesellschaft, nach der wir suchen?
Soviel sei bereits über Facebook gesagt: Es handelt sich um das erfolgreichste, soziale Netzwerk und wird bereits von Millionen von Menschen genutzt; sein Wert beträgt mehr als 15 Mrd. Dollar, Microsoft bezahlte 240 Millionen für einen 1,6% Anteil an der Seite.
Doch hinter diesen Zahlen, dem Erfolg und den schönen Worten liegt eine nicht leicht zu beantwortende Frage: Warum?
Warum benutzen die Menschen für ihre Sozialkontakte lieber Sofortnachrichten, SMS, Videos und Bilder auf einer Webseite anstatt einfach das Haus zu verlassen, um sich persönlich zu treffen?
Modeströmung oder gesellschaftlicher Trend?
Facebook ist definitiv die Gesprächsplattform des Internets. Jeder added Freunde, probiert neue Anwendungen aus, lädt Bilder hoch und nutzt gemeinsam Videos. Viele Internetuser geben offen zu, dass sie süchtig danach sind und dass sie viele Stunden in Facebook verbringen, um Kontakte zu knüpfen.
Jedoch verstehen nur wenige, warum das so ist. Überlegen Sie mal: Warum investiert man Stunden in eine Sache, wenn man in der realen Welt keinen Vorteil daraus ziehen kann? Erfüllt Facebook etwa unser Bedürfnis nach einem großen Freundeskreis? Ist es eine „Inkognito – Partnerbörse“? Oder vielleicht ein Sprungbrett für Geschäftsbeziehungen?
Keine dieser Fragen kann wirklich eindeutig beantwortet werden. Aber eines ist gewiss: Facebook bietet wieder eine neue Möglichkeit, sich leicht der Realität und dem Alltag zu entziehen. Es lässt uns in eine gebrauchsfertige Phantasiewelt fliehen – eine Welt, in der man hunderte, vielleicht sogar tausende Freunde hat, eine „Pseudogesellschaft“ ohne zwischenmenschliche Konflikte (zumindest bis jetzt noch nicht). Den ganzen Tag über kann man Geschenke bekommen und verteilen, flirten und durch die Profile surfen. Und das überraschendste, was einem widerfahren kann, ist, dass man „gepoket“ wird, das heißt, dass ein winziges Icon auf dem Bildschirm erscheint. Aua! (Wobei laut Facebook das „poke“ Icon gar keine besondere Bedeutung hat. Noch mal Aua!)
Doch erhebt sich die Frage: Ist Facebook also ernsthaft ein Ersatz für Sozialkontakte in der wirklichen Welt? Ist es für uns so schwer geworden, miteinander persönlich umzugehen?
Das Ego will Alles – die Seele will Verbindung
Für gewöhnlich sind wir Menschen soziale Geschöpfe. Und als solche lieben wir es, unsere Egos zu streicheln, indem wir allen zeigen, wie wunderschön, smart und klug wir doch sind – und wahnsinnig beliebt! Wir wollen sehen und gesehen werden und ein Netzwerk wie Facebook gibt uns dazu die perfekte Gelegenheit: Wir können alle Welt sehen – und alle Welt blickt auf uns, und wir präsentieren uns selbstverständlich von unserer Schokoladenseite!
Wir präsentieren uns mit den coolsten Photos und tollsten Interessen – dieses Verhalten verhüllt aber ein tiefer liegendes Bedürfnis – eines, das jeder von uns hat; die Kabbala nennt es das Verlangen nach „Verbindung“.
Wir werden in Verbindung bleiben
Wie Facebook hat auch die Kabbala viel mit der Verbindung zwischen den Menschen zu tun. Kabbalisten erklären, dass wir alle gewissermaßen wie eine einzige Seele miteinander verbunden sind – ein mächtiges Wesen aus Myriaden individueller Seelen. Auf dieser Stufe existieren wir in einer wechselseitigen, ewigen Verbindung, als ein ganzes System.
Doch an irgendeinem Punkt unserer Entwicklung verloren wir die Wahrnehmung der universellen Seele und unser Gefühl der Verbundenheit. Dieser Verlust der Wahrnehmung hinterließ uns ein Gefühl der Leere und des Mangels. Seither sind wir auf der Suche nach Möglichkeiten, die diesen Zustand kompensieren und uns irgendwie das einstige Gefühl der Ganzheit wiedergeben.
Tatsächlich ist es die unbewusste Erinnerung an die Verbindung innerhalb unserer kollektiven Seele, die Millionen von uns dazu motiviert, in ein virtuelles Netwerk wie Facebook einzusteigen. Hier können wir einander jenseits von Zeit, Raum oder sonstigen Schwierigkeiten treffen. Trotzdem ist es nur ein schwacher Abklatsch unserer wahren, spirituellen Verbindung und kann unsere Sehnsucht danach nicht wirklich befriedigen.
Verbindung durch Trennung
Der wachsende menschliche Egoismus blockiert unsere Wahrnehmung der gemeinsamen Seele und entfernt uns voneinander. Er wuchs beständig und erreichte in den letzten Jahren seinen Höhepunkt. Auch wenn er uns unglaublichen technischen Fortschritt brachte, so verhindert er jedoch gleichzeitig, dass wir uns wieder miteinander verbinden. Als Konsequenz fühlen wir eine tiefe Leere in unserem Herzen, welches sich danach sehnt, dass die Einheit unter uns wieder hergestellt wird.
Doch indem wir so weitermachen, gibt unser Ego uns das Gefühl, größer und besser zu sein als die Anderen. Es veranlasst uns, uns gegenseitig zu übervorteilen oder uns sogar aus purer Gewinnsucht Schaden zuzufügen. Doch hauptsächlich hindert es uns an der Erkenntnis, dass wir hinter all den zwischenmenschlichen Distanzen im Inneren doch zusammen gehören.
Das Ego ist der Grund, warum wir den Gedanken des miteinander Verbundenseins nicht mögen. Wir finden die Idee der „gegenseitigen Abhängigkeit“ oder „Gemeinsamkeit“ unangenehm, belastend und sogar abstoßend – daher verleugnen wir sie einfach.
Doch trotz dieser Verleugnung zwingen uns die in jedem Bereich unseres Lebens lauernden Krisen, die wachsende Globalisierung und die dramatischen Naturereignisse zur Erkenntnis, dass wir wirklich verbunden und voneinander abhängig sind.
Wir sind in einer Zwickmühle gefangen – einerseits wollen wir nicht einsam sein, andererseits wollen wir nicht zu viel Nähe. Das virtuelle Netzwerk liefert uns die perfekte Lösung: Wir können tausende Kontakte knüpfen und müssen dabei nicht einmal unseren Computer verlassen.
Unsere geniale Technologie gestattet uns das Gefühl, verbunden zu sein und dabei distanziert zu bleiben. Das wachsende Gefühl des Getrenntseins enthüllt aber ein Verlangen nach Verbindung, welches nicht durch Technik oder virtuelle Medien ersetzt werden kann.
Um dieses Verlangen zu befriedigen, sollten wir unser gesellschaftliches Netzwerk „upgraden“ – von einem technischen zu einem herzlichen.
Unlimitierte Bandbreite
Die heutige Zeit ist einzigartig in der menschlichen Entwicklung. Wir sind uns so nah wie nie – dadurch können wir die in uns eingeprägte Zusammengehörigkeit wieder finden und den Sinn unserer Existenz erkennen. Die Weisheit der Kabbala ermöglicht uns, diese Zusammengehörigkeit, die in den Herzen aller Menschen besteht und gewissermaßen in unserer Natur liegt, wieder herzustellen.
Dafür ist es jedoch notwendig, unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit zu verändern. Wir müssen unseren Egoismus in die Eigenschaft des bedingungslosen Liebens und Schenkens umwandeln. Dadurch können wir eine neue spirituelle Stufe der Wirklichkeit erfahren.
Wir bräuchten dann nicht mehr an unserem Computer sitzen und mit unserer Tastatur nach Sozialkontakten suchen. Stattdessen hätten wir eine kristallklare Vorstellung der Verbindung unter uns – und zwar mit Hilfe unserer Herzen.
