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07.02.2012

Ich sah eine umgedrehte Welt

verdrehte welt

Ich sah eine umgedrehte Welt
Artikel in Kabbala Today Ausgabe #2

Was ist Wirklichkeit? Wie nehmen wir sie wahr? Existiert sie ohne uns oder ist sie ein Bild, das in uns erschaffen wurde, abhängig von unseren inneren Eigenschaften? Es scheint offen­sichtlich zu sein – Wirklichkeit ist alles, was wir um uns herum sehen: Häuser, Menschen, das gesamte Universum…. Wirklichkeit ist, was wir sehen, berühren, hören, schmecken und riechen können. Das ist Wirklichkeit. oder?
Es ist morgen. Sie öffnen ihre Augen und strecken sich. Es ist ein neuer Tag, die Sonne scheint und die Vögel zwitschern. Aber tief im Inneren fühlen Sie, dass etwas nicht stimmt. Sie wachten auf der falschen Seite des Bettes auf, und das letzte, worauf sie Lust haben, ist aufzustehen. Aber Sie erinnern sich, dass gestern ein perfekter Tag war, sie wussten gestern schon beim Aufstehen, dass es ein großartiger Tag werden würde und Sie waren den ganzen Tag lang fröhlich. Und heute möchten Sie nicht einmal aus dem Bett heraus.

Was also hat sich tatsächlich verändert? Hat sich die Wirklichkeit verändert? Oder haben Sie sich verändert?
Gemäß der Kabbala ist das Bild von der Welt, so wie wir es kennen, tatsächlich nicht existent. „Die Welt“ ist ein Phänomen, das von mensch­lichen Wesen empfunden­ wird. Es reflektiert den Rahmen­, in dem die Eigenschaften eines Menschen sich mit denen der abstrakten Kraft außerhalb von ihm decken, der Kraft der Natur.
Was bedeutet das? Lassen Sie uns einen Radio­empfänger als Beispiel nehmen. Die Radio­stationen sind ständig auf Sendung aber wir hören eine Sendung nur, wenn wir unser Radiogerät auf deren be­stimmte Frequenz einstellen. Wie „erfasst“ der Radioempfänger die Sendung? Er generiert eine innere Frequenz, die identisch mit derjenigen außerhalb von ihm ist. Daher „erfasst“ der Radioempfänger die Sendung nur, nachdem er seine inneren Frequenzen verändert hat - doch die Audiowellen selbst sind unveränderlich.
Kabbalisten erklären, dass wir die Wirklichkeit außerhalb von uns auf exakt gleiche Weise wahrnehmen – gemäß der “Frequenz”, die wir in uns erzeugen. Mit anderen Worten, die Wirklichkeit, die uns umgibt, hängt vollständig von unseren inneren Eigenschaften ab. Daher können auch nur wir sie verändern.Immer noch verwirrt?

Unser Leben ist in uns selbst

Um die Art zu verstehen, wie wir die Wirklichkeit wahr­nehmen, lassen Sie uns den Menschen als eine ge­schlossene Kiste mit fünf „Öffnungen“ vorstellen: Augen, Ohren, Nase, Mund und Hände. Diese Organe repräsentieren unsere fünf Sinne. Der Frequenzbe­reich der hörbaren Töne und die von uns wahrgenommenen Lichtwellen sind vollständig von unseren Sinnen abhängig.
Schauen wir uns zum Beispiel­ unseren Hör­mecha­nismus an. Zunächst sammeln­ sich die Schallwellen vor dem Trommelfell und reizen es zur Vibration. Die Schwingungen des Trommelfells gelangen zu den Mittel­ohrknochen und als Ergebnis werden Signale zum Gehirn gesandt. Das Gehirn übersetzt die Schallwellen in Klänge oder­ Stimmen. So hören wir. Mit anderen Worten, der gesamte Hörprozess findet in uns statt. Alle unsere Sinne arbeiten auf diese Weise.
Die Signale, die über unsere Sinne aufgenommen werden, gelangen in das Kontroll­zentrum im Gehirn. Dort wird die neu ankommende Infor­mation mit existierenden Informationen­ in unserem Gedächtnis ver­glichen. Auf der Grundlage dieses Vergleichs erzeugt das Gehirn ein Bild einer­ Welt, die „vor uns“ zu sein scheint. Dieser Prozess erschafft das Gefühl, dass wir an einem bestimmten „Ort“ sind, obwohl dieser Ort tatsächlich in uns ist.
Was nehmen wir also wirklich wahr? Nur unsere inneren­ Reaktionen auf externe Stimuli – aber keinesfalls das, was sich wirklich außer­halb befindet. Wir sind „in unserer­ Kiste eingeschlossen“ und können daher nicht wirklich sagen, was sich außerhalb von uns befindet.
Unsere Bilder der Wirklichkeit resultieren daher aus der Struktur unserer Sinnesorgane und der existierenden Informationen in unserem Gehirn. Vor Jahren entdeckte die Wissenschaft, dass die elektrische Stimulation eines Gehirnareals bestimmte Erinnerungen an Orte und Situationen in uns wachrufen kann.
Tatsächlich wissen Naturwissenschaftler, dass unterschiedliche Geschöpfe die Welt unterschiedlich wahrnehmen. Die Fähigkeit einer Katze, in der Dunkelheit zu sehen, ist sechs Mal größer als bei uns. Die Fähigkeit eines Hundes zu hören ist viel größer und schärfer als bei uns – Hunde können gewöhnliche Geräusche viel früher hören als wir. Das menschliche Auge ist auf Frequenzbereiche zwischen violett und rot geeicht. Daher können wir keine kürzeren Wellen­längen als violett wahrnehmen, wie zum Beispiel ultraviolett. Bienen sind jedoch dazu in der Lage und nutzen dies, um unterschiedliche Blumen aus­findig zu machen.
Derartige Beispiele zeigen, dass Menschen die Welt ganz anders wahrnehmen würden, wenn sie über andere Sinne verfügten.

Alles war nur ein Traum

Kabbalisten erklären, dass der Mensch die Wirklichkeit auf zwei Ebenen wahrnehmen kann, und beide sind voll­ständig von seinen inneren Eigenschaften beeinflusst:

Die erste Ebene der inneren Qualität eines mensch­lichen Wesens bildet der “Egoismus”, welcher der Qualität der Natur ent­gegengesetzt ist. Unser gegen­wärtiger Egoismus bewirkt, dass wir uns als getrennt von anderen erleben und ermutigt uns sogar­, die anderen Menschen zu unserem­ Vorteil zu benutzen. Der Egoismus ist auch der Grund­ dafür, dass unser Bild der Wirklichkeit einer Welt der Kriege, des Kampfes, der Armut und der Korruption entspricht.
Unsere Lebenserfahrung bringt uns jedoch langsam zu der Einsicht, dass egoistische Wahrnehmung uns keine wirkliche Erfüllung bringt, weil man daraus niemals einen­ anhaltenden Genuss erfahren kann.
Auf der zweiten, höheren Ebene besteht unsere innere Qualität aus absoluter Liebe und Geben – genau wie die Qualität der Kräfte der Natur. Diejenigen, welche die Welt auf diese Weise wahrnehmen, können erkennen, wie alle Menschen als Teil eines Systems funktionieren­, wechsel­seitig arbeiten und einen Kreislauf nie endenden­ Genusses kreieren.
Gemäß der Kabbala ist unsere Existenz der ersten Ebene lediglich eine Übergangsphase und ihr ganzer­ Zweck besteht darin, dass wir selbstständig unsere Wahr­nehmung der Wirklichkeit verändern können. Kab­balisten, die gelernt haben, wie Veränderung der Wahrnehmung zu erreichen ist, definieren unsere gegenwärtige Existenz als „ima­ginäres Leben“ oder „ima­ginäre­ Wirklichkeit“.
Im Gegensatz dazu nennen sie die vollständige und perfekte Existenz “wirkliches­ Leben“ oder „wahre Wirklichkeit“. Wenn sie auf ihre vorausgehende, egoistische Wahrnehmung zurück­blicken, beschreiben sie sie als Traum in dem sie sagen „wir waren wie Träumende“- Psalm 126:1

Das bedeutet, dass die echte Wirklichkeit gegenwärtig vor uns verborgen ist. Wir empfinden­ sie nicht, weil wir uns selbst und die Welt ent­sprechend unserer inneren Eigen­schaften wahrnehmen, welche gerade egoistisch sind. Zurzeit erkennen wir nicht, dass alle Menschen miteinander verbunden sind, weil wir uns unbewusst gegen eine derartige Beziehung wehren. Das egoistische Verlangen in uns ist an einer solchen Verbin­dung nicht interessiert und daher­ hindert es uns daran, das wahre Bild der Wirklichkeit zu sehen.
Wenn wir unseren Ego­ismus in die Qualität der Natur umkehren – lieben und geben – werden wir andere Dinge um uns herum empfinden und wahrnehmen, die wir bisher nicht bemerkt haben. Darüber hinaus wird alles vorher Erkannte ganz anders aussehen – vollständig, ewig und Zweck erfüllend. Das ist es, was Kab­balisten in dem Vers ausdrücken „Ich sah eine umgedrehte Welt.“
Babyl. Talmud,Tract Pesachim

Schmecket und Sehet

Die Weisheit der Kabbala lehrt, dass der Zweck unseres Lebens darin besteht, uns selbständig aus unserer gegenwärtigen, beschränkten Existenz zu einer wahren, ewigen zu erheben.
Wie machen wir das? Der einzige Weg, uns von der egoistischen Wahrnehmung zu lösen, liegt darin, mit der Wirklichkeit außerhalb von ihr Kontakt aufzunehmen. Dafür benötigen wir authentische, kabbalistische Bücher­, denn sie wurden von denjenigen geschrieben, welche das wahre Bild der Wirklichkeit entdeckt haben. In ihren Büchern erzählen uns die Kabbalisten über die perfekte Wirklichkeit, die tatsächlich genau vor uns liegt. Wir müssen nur unsere inneren Frequenzen verändern, um das Programm empfangen zu können.
Wenn man über die wahre­ Wirklichkeit liest, klärt sich allmählich der Nebel­, der unsere Sinne verschleiert und man beginnt, diese Wirklichkeit zu em­pfinden. Tatsächlich erklärt die Kabbala, dass wir nicht durch das Verstehen des gelesenen Textes unsere Qualitäten­ ändern. Selbst wenn ein Mensch das Gelesene nicht versteht, wird sich seine Wahrnehmung durch sein Verlangen, verstehen zu wollen­, ändern.
“Obwohl sie nicht verstehen was sie lernen, durch das Sehnen und den Großen Wunsch, verstehen zu wollen, was sie lernen, erwecken sie über sich die Lichter, die ihre Seelen umgeben… Daher werden die Lichter, selbst wenn man keine Gefäße für sie hat, alleine durch die Beschäftigung mit der Weisheit, durch den Umgang mit den Namen der Lichter­ und Gefäße, unmittelbar bis zu einem gewissen Grad auf ihn leuchten…“
- Baal HaSulam Einführung in Talmud Eser Sefirot

Der Unterschied zwischen unserer gegenwärtigen Wahr­nehmung des Lebens und der zu erreichenden ist enorm. Das Buch Zohar vergleicht diesen Umstand mit dem Unterschied zwischen einem Kerzenlicht und dem unendlichen Licht, oder mit einem Quäntchen Sand im Vergleich zur ganzen Welt. Wenn Sie jedoch genau wissen wollen, was das bedeutet, schlagen Kabbalisten vor, dass Sie selbst erkennen sollen.
“Schmecket und sehet, wie freundlich­ der Herr ist.”
Psalm 34:8

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