Sein oder Nichtsein?
Artikel in Kabbala Heute Ausgabe #5
„… erschienen aus nichts, einen Namen tragend, seiner Existenz durchaus bewußt, tiefe innere Gefühle, getrieben von einem lauten Schrei nach Leben und Selbstausdruck – und dennoch müssen wir alle einmal sterben. Das erscheint wie ein Witz.“
Ernst Becker, Die Verleugnung des Todes.
Kabbalisten zeigen uns, dass der Tod weder ein schlechter Witz, noch überhaupt das ist, was wir uns vielleicht vorstellen.
Der Tod ist eines der beunruhigendsten und faszinierendsten Phänomene, dem wir alle einmal begegnen werden. Auch der Tod anderer erscheint uns früher oder später im Leben und stellt uns vor tiefgreifende, nicht zu beantwortende Fragen. Kinder sind schon sehr früh vom Tod beeindruckt. Wenn das geliebte Haustier stirbt oder ein naher Verwandter, fragen sie ihre Eltern, warum Menschen sterben, wo sie nach dem Tod sind und ob sie wieder zurückkommen.
Doch auch Erwachsene sind nicht weniger gefesselt von der Erscheinung Tod. Wie viele von uns lieben Horrorfilme? Wenn in den gruseligen Szenen die Toten nachts aus ihren Gräbern steigen. In der letzten Zeit gab es auch einige Psychodramen zu dieser Thematik. Zum Beispiel wie in Filmen, in denen ein verstorbener Liebhaber im Leben der Heldin immer noch anwesend ist.
Solche Szenen sind nicht auf das Kino beschränkt. Manche Leute „sprechen“ mit Toten aus dem Jenseits. Und wer die Bibel kennt, weiss auch, dass sie von der “Wiederauferstehung der Toten bei der Ankunft des Messias“ spricht:
„… So spricht G“tt der Herr: Ich öffne eure Gräber und hole euch (…) aus euren Gräbern herauf (…) Ich hauche euch meinen Geist ein, dann werdet ihr lebendig …“
Ezekiel 37:12-14
Und nicht nur die Bibel spricht von der Wiederauferstehung der Toten. Auch Der Sohar, das größte kabbalistische Buch sagt: „Die Toten sollen mit ihren Fehlern aufstehen.“ – (Das Buch Sohar, Emor, 17). Sagen uns diese Verse, dass wir Zeuge von solchen Horrorszenarien im wirklichen Leben werden? Werden eines Nachts bei Vollmond die Toten aus ihren Gräbern steigen, um mit uns die Ankunft des Messias zu feiern, der auf einem Schimmel daher geritten kommt?
Den Mythos entschlüsseln
In seinem Artikel „Einführung in das Buch Sohar“ lüftet der Kabbalist Yehuda Ashlag (Baal HaSulam), Autor des Sulamkommentars (Sulam = Leiter) den Schleier des Sohartextes, um uns die wahre Bedeutung dieser Textpassage zu erklären. Er schreibt:
„Vergiß nie, dass die gesamte Weisheit der Kabbala ausschließlich von spirituellen Objekten handelt, die weder Zeit noch Raum kennen.“
Talmud Esser Sefirot, Kapitel 1, Punkt 1
Daraus folgt, dass kein einziger kabbalistischer Text, einschließlich der Heiligen Schriften von physischen Dingen in dieser Welt spricht. Doch wie sollen wir dann die „Wiederauferstehung der Toten“ verstehen? Zuerst müssen wir uns von unserer üblichen Vorstellung eines Toten und seiner Auferstehung trennen. Wir haben es hier weder mit einem Körper in verschiedenen Stadien der Verwesung, noch mit dem Ausstieg aus seinem Grabe und seinem Einfallen in die Welt der Lebenden zu tun. Die Heiligen Schriften meinen mit der Wiederauferstehung der Toten vielmehr innere Prozesse in unseren Seelen.
Die Sprache der Zweige
In der Kabbala und den Heiligen Schriften beziehen sich Wörter wie „Gehirn“, „Knochen“ und „Fleisch“ nicht auf unsere physischen Körper. So verblüffend es auch klingen mag, diese Begriffe beschreiben „spirituelle Gefäße“, die unsere Seele darstellen. Darum bedeutet die „Wiederauferstehung der Toten“ das Wiederaufleben unserer spirituellen Körper, unserer Seelen.
Baal HaSulam erklärt, dass jeder von und durch diesen spirituellen Prozeß gehen muß, während er noch in dieser Welt weilt. Um das zu verstehen, müssen wir uns den Vorgang anschauen, durch den unsere Seelen gehen mußten, bevor sie in dieser Welt gelandet sind.
„Wisse, bevor die Emanationen hervorkamen und Geschöpfe erschaffen wurden, gab es nur das einfache Höhere Licht, welches die ganze Wirklichkeit ausfüllte. Und es gab keinen leeren Raum und keine leere oder unausgefüllte Atmosphäre, Hohlraum oder Vertiefung, sondern alles war erfüllt mit Einfachem, grenzenlosem Licht.“
Isaac Luria (der ARI), Baum des Lebens.
Im obigen Zitat beschreibt der größte Kabbalist des 16. Jahrhunderts den Zustand vor unserer Erschaffung. Das „Licht“ verweist auf den Schöpfer, der sich durch die Qualität des bedingungslosen Gebens an die Geschöpfe auszeichnet. Der Gedanke des Schöpfers generierte augenblicklich die menschliche Seele; ein Wesen, dass aus unzähligen, individuellen Seelen besteht, welche vollkommen miteinander verbunden und verwoben sind.
Da der Schöpfer nur den Wunsch hat, seinen Geschöpfen endlosen Genuss zukommen zu lassen, hat er uns mit dem Wunsch des Empfangens dieser Genüsse und dieses Überflusses ausgestattet. Das bedeutet, dass wir im vollkommenen Gegensatz zu Ihm erschaffen wurden. Er wünscht, Genuss zu geben und wir wollen diesen Genuss empfangen.
Nachdem der Schöpfer den Wunsch zu genießen, also die Seele erschaffen hatte, füllte er sie mit endlosen Genüssen im Überfluß. Dieser Genuß wird als „Licht“ bezeichnet. In diesem Zustand glich die Seele einem Fötus im Mutterleib. Alle Wünsche wurden sofort erfüllt und die Seele befand sich in einem Zustand vollkommener Wärme und Umsorgung.
Sie war sich allerdings dieses Zustandes selbst nicht bewußt; genau wie ein Fötus und konnte deshalb diesen Zustand nicht wirklich genießen. Die Seele hat nie die Möglichkeit bekommen, das Licht wirklich zu ersehnen. So, wie wir eine gute Mahlzeit erst dann wirklich genießen können, wenn wir Appetit darauf haben, so kann das Geschöpf auch erst dann den Überfluß des Schöpfers genießen, wenn es ein Verlangen danach hat.
Um zu diesem Zustand zu gelangen, ist ein Prozeß mit mehreren Schritten notwendig. Dazu muss das Geschöpf zunächst erst einmal von der Quelle der Genüsse getrennt werden. Nur dann offenbart sich das Verlangen in seiner ganzen Pracht und es kann ein wahres, unabhängiges Verlangen nach Seinen Genüssen entstehen. Diese Abwesenheit des Lichtes empfinden wir als „diese Welt“. Sie erfüllt einen wichtigen Zweck, da wir nur so unser Verlangen entwickeln können und die freie Wahl haben, zu Ihm zurückzukehren. Auf diese Weise wird uns bewußt, wie sehr wir Sein Licht brauchen, wie es uns umgibt und füllt, mit unendlicher Wärme und Liebe.
Tod und Wiederauferstehung
Den Zustand „dieser Welt“ fühlen wir genau dann, wenn wir vom Schöpfer und seinem Licht getrennt sind. Der Zweck dieser vorübergehenden Phase liegt in der Möglichkeit, durch unseren freien Willen zum Schöpfer zurückkehren zu können.
Die Trennung von der spirituellen Welt wird als „spiritueller Tod“ bezeichnet, da wir unser Leben in der spirituellen Welt und unsere Verbindung mit dem Schöpfer nicht mehr spüren. Im Zustand des spirituellen Todes sind wir vollkommen entgegengesetzt zur Spiritualität und können sie deshalb nicht mehr wahrnehmen.
Die Methode der Kabbala ist dazu bestimmt, uns wieder zur Spiritualität zurückzubringen. Mit ihrer Hilfe können wir uns so verändern, dass wir die Leiter zurück zum Schöpfer erklimmen können. Nur so werden wir die Erfahrung der „Wiederauferstehung von den Toten“ und der Wahrnehmung Seines Lichtes machen.
Die Methode ist einfach: Sie besteht in der Umwandlung der egoistischen Absicht in die Absicht des Gebens und Liebens, also Eigenschaften des Schöpfers. Während des gesamten Prozesses der Korrektur und des damit verbundenen Aufstiegs, befindet man sich im Spannungsfeld der einander entgegengesetzten Kräfte: Der Wunsch des Gebens auf der einen Hand und der Wunsch des Empfangens auf der anderen.
Stufenweise enthüllt sich dem Menschen sein Egoismus, der einem vorher nicht bewußt war. Dann erkennt man sich als spirituell tot. Mit zunehmender Erkenntnis, dass alle Verlangen einen selbst nur dazu treiben, diese in einer egoistischen Weise zu füllen, erwacht auch der Wunsch, sich dieser Sklaverei zu entledigen.
Irgendwann wird dem Menschen dann klar, dass es nur diese egoistischen Wünsche sind, die ihn von der Heiligkeit trennen und verhindern, zum Schöpfer zurück zu gelangen. An diesem Punkt der Bewußtheit fühlt sich der Mensch in einer maximalen Weise von seinem Egoismus abgestoßen und wünscht sich nur noch eins: Genau so zu sein wie Der, Der ihn erschaffen hat.
Dieser Appell an den Schöpfer, der direkt vom Grunde des Herzens kommt, wird von Ihm erhört werden. Und dann enthüllt Er dem Menschen „Sein Angesicht“ und der Mensch wird mit wahrer, bedingungsloser Liebe und Güte belohnt.
Jeder, der diese spirituelle Stufe erreicht hat, ist aus seinem Egoismus ausgebrochen und hat die spirituelle Welt erreicht. Seine Seele ist „wiederauferstanden“ und er fühlt sein spirituelles Leben, so wie er es tat, als er einst erschaffen wurde.
