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07.02.2012

Wer bist Du, Volk von Israel?

Wer bist du, Volk von Israel?

Die Weisheit der Kabbala bietet uns eine neue Perspektive auf die wahrscheinlich signifikanteste Veränderung im Leben des Volkes Israel - den Moment seiner Entstehung.

Anfänge

In Babylon, vor ca. 5000 Jahren, vollzog sich ein subtiler, aber bedeutungsvoller Wandel. Damals war Mesopotamien der Schmelztiegel, aus dem sich schließlich die moderne Zivilisation entwickelte.

In den Jahren vor dieser Periode reichte es den Menschen, ihre Grundbedürfnisse zu befriedigen. Sie führten ein einfaches Leben, wollten ein Dach über dem Kopf, genügend Nahrung. Sie strebten nicht nach Dingen, wie Karriere oder sozialen Status.

Vor 5000 Jahren begannen die Menschen jedoch allmählich, das Leben nicht länger als zufriedenstellend zu empfinden. Diese Bewusstwerdung markierte den Beginn einer wesentlichen Veränderung in der globalen Entwicklung.

Die meisten Menschen lebten damals in Mesopotamien, dem heutigen Irak. Dieses Gebiet begann sich gleichzeitig und schnell in verschiedene Richtungen zu entwickeln. Eine neue Art der Landwirtschaft entstand, und die Basis für Handel, Währungen und Steuern war gelegt. Die Unterschiede zwischen den sozialen Schichten begannen sich zu vergrößern, und die Menschen teilten sich in jene, die mehr besaßen und jene, die weniger besaßen.

Entsprechend der Weisheit der Kabbala wird die menschliche Natur vom Egoismus und ihrem Verlangen nach Genuss angetrieben. Dies erklärt die radikalen Veränderungen und rapiden kulturellen und technologischen Fortschritte, die die Menschheit zu dieser Zeit erlebte.

Der Turm zu Babel

Der Ausbruch des Egoismus verursachte eine Reihe entscheidender Veränderungen. Es war, als hätten alle Babylonier „Egoismus-Injektionen” erhalten, die sie zu einigen unkontrollierbaren Handlungen anspornten.Bis zu diesem Zeitpunkt waren die Babylonier einfache Beziehungen gewohnt und lebten friedlich und ruhig. Sie waren wie ein Volk, das dieselbe Sprache sprach. Eigentlich waren sie wie eine Sippe; so wie geschrieben steht: „Und es war auf der ganzen Erde Eine Sprache und einerlei Worte.” (Genesis, 11:1)

Daher waren die Menschen Babyloniens unvorbereitet auf den Prozess, der plötzlich ohne Vorwarnung auf sie einwirkte und konnten ihn nicht verstehen. Es schien, als bewegte sie eine unsichtbare Hand wie Marionetten, ohne dass sie darauf Einfluss hätten.

Vor dieser Veränderung beteten die Babylonier Götzen und Naturkräfte an. Angst und Ehrfurcht gegenüber diesen Kräften dominierte sie bis zu einem gewissen Grad. Aber nun entschieden sie sich, die Spielregeln zu ändern. Wie ein Kind gegen seine Eltern revoltiert, veranlasste sie ihr Ego, es mit der Höheren Kraft aufzunehmen. Sie versuchten, ihrem Ego eine höhere Position zu verschaffen, als die des Schöpfers.

Diese Konfrontation zeigte sich im Turmbau zu Babel, der den Himmel erreichen und sogar in den Himmel hinein reichen sollte: “Und sie sprachen: Wohlan, lasset uns bauen eine Stadt, und einen Turm mit dem Gipfel an dem Himmel, denn wir wollen uns einen Namen machen,…” (Genesis, 11:4)

Der Turm, ein Bauwerk gigantischer Größe, symbolisierte den Drang ihres Egoismus, die Natur zu dominieren. Der Himmel, den die Babylonier zu erreichen versuchten, symbolisiert die Höhere Kraft.

Der Ausbruch des Egoismus verursachte noch andere Phänomene, die eine Kettenreaktion auslösten, die niemand stoppen konnte. Kurz nach dem Ausbruch verstanden sich die Babylonier nicht mehr. Aus ihrer gemeinsamen Sprache entwickelte sich eine Vielzahl an Sprachen, und die Menschen entfernten sich voneinander und zerstreuten sich in alle Windrichtungen. Der wachsende Egoismus zerschnitt sie wie ein Messer, und jeder einzelne Mensch wurde mehr und mehr selbstsüchtig, die Bedürfnisse der anderen ignorierend. Ausbeuterisches Verhalten tauchte auf.

Übrigens leitet sich der Name Babel vom Wort balal (hebräisch: verwirrt, vermischt) ab, genannt nach der Verwirrung der Sprachen: „Darum nannte man ihren Namen Babel, weil dort der Ewige verwirrte die Sprache aller Erdbewohner und von dort verstreute sie der Ewige über die Fläche der ganzen Erde.” (Genesis, 11:9)

Der Weg Abrahams

Abram, Sohn von Terah, unterschied sich nicht sehr von den restlichen Babyloniern. Auch er war ein Götzendiener. Abrams Familie war sogar in der Herstellung von Götzen anerkannt und verdiente durch deren Verkauf gutes Geld.

Auch Abrams Verlangen begann zu wachsen. Doch Abram ging mit dieser neuen Situation anders um. Der damals so gängige Glaube an die Macht der Götzen befriedigte ihn nicht länger, und er verlangte nach mehr.

In der Folge entdeckte Abram, was vor ihm noch kein anderer entdeckt hatte: Er erkannte, dass die Menschen auf natürliche Weise ihren Egos ausgeliefert waren, die nun ihre Leben kontrollierten. Mehr noch, er erkannte, dass sie das gleiche Ego dazu verwenden konnten, ihr Leben zum Positiven zu verändern. Er beobachtete, wie die Babylonier sich durch grundlosen Hass aufeinander mehr und mehr entfremdeten und versuchte, sie zu lehren, wie sie sich trotz des ausgebrochenen Egoismus miteinander verbinden könnten.

Aus seiner spirituellen Erkenntnis heraus versuchte Abram den Babyloniern folgendes zu erklären: Wenn sie trotz des aufbrausenden Egoismus an ihrer ursprünglichen brüderlichen Liebe festhielten, würden sie mit einer tieferen Verbindung zur Höheren Kraft belohnt. Die Kernaussage Abrahams war, dass das Ego nicht dazu diente, sie voneinander zu trennen, sondern dazu, ihre gegenseitige Liebe zu stärken. Er lehrte sie, dass eben aufgrund der Anstrengung sich zu verbinden, die Höhere Kraft in ihnen enthüllt werden würde.

Als Zeichen der von ihm erreichten Göttlichkeit, fügte Abram seinem Namen den hebräischen Buchstabe Hey hinzu (Hey ist der Buchstabe, der Gott symbolisiert) und hieß nun „Abraham”. Er begann, seine Lehre an jeden, der daran interessiert war, zu verbreiten. Doch nur eine kleine Anzahl der Babylonier entschieden sich dafür, den Ausführungen des ersten Kabbalisten der Geschichte zuzuhören.

Jene, die dem spirituellen Revolutionär folgten, gründeten eine Gruppe von Kabbalisten, die später zur jüdischen Nation wurden. Ihre Anhänger studierten die Lehre, die Abraham in Unterrichten enthüllte, die er in jenem berühmten Zelt halten würde, das er mit Sara, seiner Frau, aufgestellt hatte.

So steht über sie geschrieben (Bereschit Raba, va Yeshev): „Abraham, der Patriarch, brachte sie in sein Haus; er gab ihnen zu essen und zu trinken, er brachte sie zusammen, und er brachte sie unter die göttlichen Flügel.”

Für die anderen, die noch nicht reif für seine Lehren waren, ersann er alternative „spirituelle” Methoden, welche zu den Wurzeln ihrer Seele passten. Der folgende Vers beschreibt, wie Abraham seine Botschafter in den Osten sandte (heute: der ferne Osten, in dem sich die heutigen östlichen Lehren entwickelten): „Und den Söhnen der Kebsweiber, die des Abraham waren, gab Abraham Geschenke, und ließ sie wegziehen von seinem Sohne Isaak, während er noch lebte, nach Osten, in das Land des Ostens.” (Genesis 25:6) Die heutigen Religionen sind ein später Spross aus dem Geschlecht Abrahams.

Abraham, der Vater der Nation

Abraham wird als „Vater der Nation” betrachtet, da er die israelische Nation gründete. Jene Babylonier, die Abraham folgten, formierten sich zu einer Gruppe Kabbalisten. Diese Gruppe vergrößerte sich und wurde schließlich zum „Volk Israel”.

Durch Abrahams spirituelle Lehre, deren Etablierung das gemeinsame Ziel darstellte, wurden jene Menschen untereinander verbunden. Aufgrund ihrer spirituellen Ausrichtung erhielt die Gruppe den Namen „Israel: Yashar (direkt) und El (Gott), das bedeutet „direkt zu Gott”, der Höheren Kraft.

Der Turm zu Babel - das letzte (und höchste) Stockwerk

In den vergangenen 150 Jahren wurde unser Leben dem der alten Babylonier ziemlich ähnlich ist. Seit dem Ende der ersten Welle der industriellen Revolution begann die Welt, sich in rasender Geschwindigkeit in alle Richtungen zu entwickeln: Elektrizität, Kommunikation, Medien, Wirtschaft, Gourmetessen, Luxusgüter, Computer und Hightech, Demokratie.

Das Ego, welches zuerst im alten Babylon aufgekommen war, erreichte seine letzten Stufen der Entwicklung am Anfang des 20sten Jahrhunderts. Heute entwickelt sich das Ego noch viel schneller als in der Vergangenheit.

So wie in Babylon suchen heute immer mehr Menschen nach etwas, das über den herkömmlichen Vergnügungen steht. Genau wie Abraham verstehen wir, dass blinder Gehorsam gegenüber dem Ego nur schief gehen kann. Viele spüren, dass es einen anderen Weg geben muss, einen korrekteren Weg, sein Leben zu führen. Diese Unzufriedenheit ist der Hauptgrund für die beinahe epidemische Depression, die uns in den letzten Jahren erfasst hat.

Neben der inneren Krise, die der Mensch während der letzten hundert Jahre wahrnimmt, ist auch die äußere Realität nicht sehr einladend. Wir haben Weltkriege, Terrorismus, Bedrohung durch nuklearen Holocaust, zunehmende Armut, ökologische Katastrophen, Krisen in allen Bereichen des Lebens. All dies bestärkt den aufkommenden Gedanken, dass die Lösung zu diesen Problemen wohl mehr auf einer umfassenderen Stufe zu finden ist. Heute erkennt die Menschheit das Negative an ihrer Situation, genau wie es Abraham zu seiner Zeit erkannte.

Die Empfindung einer bereits vorhandenen globalen Krise bringt die Welt zu demselben Punkt, an dem das alte Babylon vor 5000 Jahren stand. Doch der wesentliche Unterschied besteht darin, dass nun die Menschheit, die sich mittlerweile über den ganzen Globus verteilt hat, zu mehreren Milliarden herangewachsen ist; sie ist nun reif und bereit, die Lehre Abrahams zu verstehen und umzusetzen.

Die Umsetzung der Lehre Abrahams in die heutige Zeit

Im alten Mesopotamien nahmen nur wenige die Lehre Abrahams an, die die Einheit und Verbindung über das Ego stellte und die wir heute die „Weisheit der Kabbala” nennen. Seit dieser Zeit hat sich die Entwicklung der Menschheit in zwei grundlegende Wege aufgeteilt: Israel und die restliche Menschheit.

Das Ziel der Gruppe Kabbalisten, die Abraham gründete, war die Methode der Kabbala im Geheimen weiterzuentwickeln und darauf zu warten, dass die Menschheit zur Erkenntnis gelangte, dass der Egoismus Grund allen Übels sei.

Abraham wusste, dass sich die Menschheit in der letzten Phase der egoistischen Entwicklung in Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit wiederfinden würde. Er verstand, dass sie erst dann bereit wäre, seine Methode zu erhören und sich damit zu beschäftigen.

Abrahams Gruppe wendet die Lehre ebenfalls auf sich selbst an, gibt dem Rest der Menschheit ein Beispiel und verbreitet die Methode über die ganze Welt. Das ist die Einzigartigkeit (und der Zweck) dieser Gruppe. Es ist auch der Ursprung für die Titel, die Israel erhielt, wie „ein Licht für die Völker”, „ein auserwähltes Volk” und andere.

Die zwei größten Kabbalisten der letzten Generation - Rav Avraham Kook und Rav Yehuda Ashlag (Baal HaSulam) - stellten fest, dass die Realisierung dieser Mission am Ende des 20sten Jahrhunderts beginnen würde.

Baal HaSulam schreibt, dass: „Judaismus den Völkern etwas Neues schenken müsse, und das ist es auch, was die Völker sich von der Rückkehr Israels in sein Land erwarte. Es geht nicht um irgendwelche weiteren Weisheiten.” (Die letzte Generation, S. 341)

Rav Kook ergänzt Baal HaSulams Worte (Briefe des Raaiah, Teil 3, S. 194): “Die tatsächliche Bewegung der israelischen Seele in ihrer ganzen Pracht drückt sich nur durch ihre ewige heilige Macht aus, die in ihrem inneren ureigensten Geiste fließt. Und er ist es, der es erschaffen hat, ein Volk, das ein Licht für die Völker ist und für die Erlösung und Errettung der ganzen Welt steht.”

Nur wenn das heutige Israel seine Einstellung ändert, also von Hass zu „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst” umschwenkt, werden wir uns an die Spitze der Menschheit erheben und Antworten auf all unser Mühsal finden.

Wie die Babylonier damals, müssen wir, das Volk Israels, unser Ego überwinden und uns in brüderlicher Liebe verbinden. Damit werden wir allen Menschen ein Beispiel geben und zeigen, wie dadurch ein friedliches, vollkommenes und ewiges Leben möglich und erreichbar wird.

Die Mission liegt auf den Schultern der Nachfahren Abrahams - dem heutigen Volk Israels - uns.

Quelle: Kabbala Today # 4

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